Und nun hatte Frost Einzug gehalten. Man bemerkte es also zunächst am Wind in den Katakomben. Dann froren die kleinen Teiche zu und der Fluss, der sich mitten durch die Stadt schlängelte. Was der Winter aber dann mit den Leuten machte, das hätte selbst Herr Schulze nicht erraten: der Winter lähmte die Stadt. Er lähmte zuerst als die Dinge, die die Menschen dazu brachten, ständig zu rennen, zu schubsen und zu drängeln. Dann lähmte er sie selbst.
Der Winter machte, dass die Gleise der städtischen Verkehrsgesellschaft zufroren. Sie froren so, dass keine Bahn mehr fahren konnte. Und da auch die Autos der Städter nicht mehr ansprangen, war es unmöglich geworden, zur Arbeit zu gehen. Die Leute blieben zu Hause. Blieben zu Hause und ärgerten sich. Denn zu Hause war es langweilig. Nichts gab es zu tun. Und da sogar die Kaufhäuser geschlossen hatten, konnten sie nicht einmal zum Einkaufen gehen. Sie blieben daheim und wunderten sich, plötzlich die Muße zu haben, ihren Partner anzusehen. Und sie stellten fest, wie schön das war. Großes Glück hatten auch die Kinder, denn sie mussten weder zur Schule noch in den Kindergarten gehen. Und sie waren es auch, die in den Keller gingen und den alten, lang nicht mehr benutzten Schlitten hervorkramten. So bevölkerte sich langsam der Rodelberg der Stadt.
Irgendwann fielen die Heizungen aus, denn auch im Heizkraftwerk arbeitete niemand mehr. Kalt wurde es in den Wohnungen. Und die Kälte lähmte die Muskeln der Menschen, die sich fortan nur noch langsam bewegen konnten. Wie durch eine Zeitlupe betrachtet kam ihnen ihr Leben vor. Alles brauchte seine Minuten und seine Stunden und so wurden sich die Menschen der Zeit bewusst, die sie täglich mit diesem oder jenem verbrachten. Und da die Heizungen ausgefallen waren, rückten sie näher zusammen. Sie trafen sich bei denen, die einen Kamin oder einen Ofen hatten, schlürften Glühwein und heißen Tee und erinnerten sich an früher, als die Teddybären noch mit Stroh und wie die Weihnachtsgänse gefüllt waren.
Am Weihnachtsabend saßen Herr Schulze und Hans ganz allein und bibbernd auf ihrem Platz in den Katakomben. Sie froren jämmerlich und Herr Schulze wähnte sich dem Tode nah, als eine Familie vor ihm stehen blieb. "Möchten sie nicht mit zu uns kommen? Dort ist es warm." Sagte der Familienvater und das kleine Mädchen und der kleine Junge lächelten ihn an. Herr Schulze zögerte nicht lange und begleitete sie, Hans auf dem Arm.
So war das also in der Stadt, als die eisige Kälte einzog. Und so blieb es, bis der Wind in den Katakomben wärmer wurde und die Sträucher erste Knospen zeigten.
geschrieben von: AB im Dezember 2001 ©
